Es scheppert und ich bin schlagartig wach. Was war das? Ich setze mich erschrocken im Bett auf, meine linke Hand tastet nach meinem Mann, während ich mit aufgerissenen Augen zur Schlafzimmertür blicke. Dann auf den Wecker. 2 Uhr morgens. Schatz?, flüstere ich meinem Mann zu. Schatz?
Ich blicke auf seine Seite vom Bett. Kein Schatz. Was ist denn hier los? Wo steckt der Kerl denn um die Zeit?
Ich habe ein leicht beklemmendes Gefühl als ich mich langsam aus dem Bett wühle und auf leisen Sohlen durchs Haus stapfe. Schließlich will ich die Kinder nicht wecken. Am Kinderzimmer vorbei, die Treppe runter in den Wohnbereich schleiche ich. Da – Licht im Arbeitszimmer.
Die Tür steht einen Spalt auf und ich habe meine Hand schon an der Klinke, um sie aufzuschieben. Da hör ich es. Stöhnen. Leises eindeutiges Stöhnen aus dem Fernseher. Ich traue mich, die Tür einen minimalen Spalt weiter zu öffnen – so habe ich freien Blick auf die Mattscheibe. Mein Mann liegt auf der Schlafcouch, ich kann nur seine Füße sehen. Er schaut sich nachts um zwei einen Porno an.
Hilfe! Ich habe Herzklopfen, mein Hals schnürt sich zu, ich fühle mich irgendwie ertappt, gedemütigt … auf jeden Fall weiß ich gerade nicht was ich fühle und entferne mich ganz leise von dem Zimmer.
Froh, nicht entdeckt geworden zu sein, lege ich mich ins Bett und ziehe die Decke über den Kopf. Ich fühle nichts. Ich fühle alles. Was soll ich tun?
Ist meine Ehe doch nicht so gut wie ich immer denke? Was habe ich falsch gemacht?
Nach fast 15 Jahren Beziehung schlafe ich doch regelmäßig mit meinem Mann! Und ich habe eigentlich das Gefühl, dass wir beide wirklich Spaß dabei haben und das nicht nur aus ehelicher Pflichterfüllung tun. Klar, gab es auch schon mal schlechtere Phasen, sogenannte Durststrecken. Aber das war doch hauptsächlich als oder während wir die Kinder bekommen haben! Ansonsten waren wir uns doch eigentlich körperlich immer so nahe gewesen!
Warum schaut sich mein Mann denn andere nackte Frauen an, wenn ich direkt neben ihm im Bett liege?
Ein bisschen geht es mir so wie wenn ich im Straßenverkehr hinter mir einen Polizeistreifenwagen entdecke. Ich habe dann auch irgendwie ein potenziell schlechtes Gewissen.
Aber wieso denke ich das eigentlich? Wieso denke ich darüber nach, was ich in meiner Beziehung falsch mache, weil mein Mann Pornos schaut?
Und noch einen Gedanken habe ich: Bin ich vielleicht unattraktiv geworden, weil ich älter werde? Eigentlich ist das doch auch Quatsch. Wir werden doch beide gemeinsam älter und die Schwerkraft wirkt auf uns beide gleich intensiv – das habe ich jedenfalls so aus meinem Physikunterricht mitgenommen.
Warum zerbreche ich mir eigentlich den Kopf darüber was ich getan hat? Er hat doch den Porno geguckt, nicht ich.
Dann ist doch hier die Frage eigentlich: Wieso?
Wahrscheinlich weil er es aufregend findet! Oder ihm fehlt wirklich was! Oder er hat einfach gerade im Fernsehen durchgeschaltet, weil er nicht schlafen konnte und war gerade zufällig dort stehen geblieben. Das habe ich auch schon mal gemacht. Diese schlüpfrigen Bilder haben nun mal eine besondere Anziehung, auch dann, wenn man sie weder aufregend, noch ästhetisch sondern eher abstoßend findet. Oder er langweilt sich wirklich mittlerweile beim Sex mit mir …
Ich vergieße ein paar Tränen. Ich kann nichts dafür, ich fühle mich halt mies, irgendwie gedemütigt. Ich fühle mich hintergangen.
Aber wieso denn hintergangen? Er hat mich ja gar nicht wirklich hintergangen!
Er hat ja nicht mit einer anderen Frau geschlafen, telefoniert, romantisch gegessen … gar nichts davon. Er hat sich nur nackte Frauen angesehen.
Warum gucken Männer Pornos?
Eine Leserin




