Ja, natürlich. Natürlich sind wir auch mal krank. Was machen wir, wenn wir krank sind? Ins Bett legen, auskurieren, gesund werden? Geht nicht? Einfach weitermachen, als ob nichts wäre? Krankheit, so gut es geht ignorieren? Meistens schon, oder? Wir bemühen uns, in Rekordzeit wieder gesund zu werden. Und damit erwecken wir bei anderen den Eindruck, dass wir gar nicht krank waren.
Vanessa: Ich kann mich sehr gut erinnern, dass ich als kleines Mädchen meiner Lehrerin erklärt habe, wer in unserer Familie Windpocken hatte und wer nicht und wer gelegentlich auch sonst mal krank war. Ich zählte meinen Bruder, meine Schwester, meinen Vater und natürlich mich auf. Meine Mutter zählte ich nicht auf, denn die wurde nie krank. Ich war damals überzeugt davon, dass meine Mutter immer gesund war. Das lag sicher daran, dass sie nie über längere Zeit im Bett lag.
Krankheiten, die sich ignorieren lassen, beziehungsweise bei denen man nicht zwingend im Bett liegen muss, können ja nicht so schlimm sein! Das denkt auf jeden Fall unser Partner, der im Gegenzug seine Erkältung mit großem Drama auskuriert.
Stört uns das? Dann müssen wir halt mal sagen, dass wir Hilfe brauchen. Er wird sich natürlich nicht immer gleich Urlaub nehmen können, kann aber doch vielleicht nach seiner Arbeitszeit oder in der Mittagspause die Einkäufe erledigen.Wenn das nicht geht, könnte er sich aber zumindest bemühen, möglichst schnell nach Hause zu kommen. Bestimmt kann er auch etwas im Haushalt und mit den Kindern helfen, auch wenn das normalerweise nicht zu seinen Kernaufgaben gehört. Mit Sicherheit kann er auf private Verabredungen verzichten, auch wenn er sich sehr auf einen Abend mit Freunden oder Sport gefreut hat.
Gerade, wenn man nachts noch wegen des Babys häufig auf den Beinen ist, wäre es doch toll, wenn er mal die Nachtschicht übernehmen könnte. Klar, hat er einen anstrengenden Job, und nach einer unruhigen Nacht mit einem Baby wird er sich nicht besonders frisch fühlen. Auch er wird dann am nächsten Tag mit Müdigkeit zu kämpfen haben. Aber im Gegenzug können wir mit einer durchgeschlafenen Nacht unseren Heilungsprozess beschleunigen.
Also gut, er übernimmt die Nachtschicht. Am besten, wir entfernen uns räumlich so weit wie möglich vom Kinderzimmer, damit wir uns ungestört gesund schlafen können. Unser Partner macht das schon mit dem Kind! Es dauert nicht lange, und der liebe Mann steht hilfesuchend mit dem Kind auf dem Arm vor der Matratze, auf der wir im Wohnzimmer Zuflucht gesucht haben. Was ist aus dem ungestörten Gesundschlafen geworden? Nichts - wir kümmern uns um unser Kind. Und unser Partner? Der schläft tief und friedlich, wie gewohnt.Wenn es tatsächlich so ist, dass er dann auf der Matratze im Wohnzimmer liegt und wir mit Gliederschmerzen das Kind wippen, sind wir da nicht selbst schuld? Wieso? Weil wir Mütter doch insgeheim glauben, dass unser gesamtes System - Kinder, Alltag und der ganze andere Berg - wie eine Lawine ins Rutschen gerät und alles unter sich begräbt, wenn wir mal nicht den vollen Einsatz bringen können. Es ist doch so: Wir glauben, dass wir unabkömmlich sind!
Warum beantworten wir nicht einfach seine Frage, wenn er hilfesuchend vor der Matratze steht? Und schlafen dann weiter!
Auszug aus Schnuller, Sex und Selbstbewusstsein




