Schon komisch, wie es in allen Phasen des Kinderkriegens und des Kinderhabens Menschen gibt, die es besser wissen als man selbst. Von Anfang an sind es vor allem diejenigen die selber noch nicht die Erfahrung gemacht haben, die einem mit ungewollten Tipps zu Seite stehen.
Phase 1: Das große Geheimnis
Ich habe mir ein Kind gewünscht und wusste nicht, ob das alles so klappt wie es klappen soll. Als ich dann endlich den positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielt, konnte ich es nicht so richtig glauben! Ich, schwanger? Irgendwo im letzten Hinterstübchen wusste ich, dass da einiges auf mich zukommt. Meine lieben Hormone schoben aber fein säuberlich diese Sorgen beiseite. Zunächst einmal ging es darum, dass ich ein Wunder vollbringen würde.
Kein Alkohol, keine Zigaretten, kein rohes Fleisch oder Fisch, kein Vieles. Die besonders feinfühligen Besserwisser ahnten schon das da was im Anflug ist und fragten indirekt, ob alles in Ordnung ist. Die anderen waren der Meinung, dass du einfach nur ein bisschen seltsam geworden bist. "Oho? Warum trinkst und rauchst du nicht? Ist das so’n neuer Splin von dir?" Dann gibt es noch die, die keine Ahnung hatten, dir aber später sagen, dass sie es gespürt haben. OK.
Phase 2: Coming out
Nun ist der Moment gekommen, wo man anfängt es Leuten zu erzählen. Und dann fangen auch schon die Geschichten von irgendwelchen Fehlgeburten an. Ich habe mich schon immer gefragt, warum Leute gerade einer Schwangeren diese Geschichten erzählen. Die Fehlgeburt von Cousines Freundins Schwester, weil sie die Einkäufe die Treppe hochgetragen hat, ist ja wohl das letzte was ich hören wollte. Der hocherhobene Finger folgte, mit einer Warnung, dass man auf keinen Fall Schweres heben soll. Ach ne?!
Phase 3: Fröhlich rund
Es ist wundervoll den Babybauch endlich zur Schau zu tragen. Sonderrechte werden einem in jeder erdenklichen Situation eingeräumt. Eigentlich kann man sich alles erlauben und alle helfen einem sobald man auch nur ein Stück Papier heben will. Super!
Nun folgen jedoch den Fehlgeburtgeschichten ganz schnell die Horror-Geburtsgeschichten. Und wieder: Warum? Will ich mir meine Nachbarin nach 10 Stunden Wehen und mit Katheter vorstellen? Will ich wissen, wie das Baby meiner Cousine blau angelaufen ist, weil es die Nabelschnur um den Hals hatte als es raus kam? Hmm, mal scharf nachdenken.. Nein danke!
Phase 4: Das Wunder
Mal ehrlich, kurz nach der Geburt ist man ziemlich hinüber und auch einigermaßen planlos. Wie ein Schwamm habe ich die Beiträge von allen, die was zu sagen hatten aufgesogen. Mutterinstinkt? Na klar war er da! Der schaltete sich aber erst dann ein, als ich kapierte, dass man nicht alle Kommentare für bare Münze nehmen sollte.
Meinungen über alles Babybezogenes gehen ja bekanntlich in alle möglichen Richtungen. Kein roter Faden, totales Chaos. Zu den Besserwissern gesellen sich die Wisser. Diese haben zwar schon eigene Erfahrungen gesammelt, dennoch kommen dir ihre Vorschläge nicht ganz richtig vor. So erklärte mir einmal ein Arzt, dass es ein totaler Quatsch sei einen Schnuller zu benutzen. Das ist nun wirklich Auslegungssache! Mir kam das falsch vor, ich vertraute meinem Bauchgefühl und entschied mich Pro-Schnuller!
Phase 5: Säuglings-Gepäck
Die Sonderbehandlung hört dann ganz schnell auf, wenn das Baby ein paar Wochen alt ist. Hier ein tägliches Szenario: Ich schleppe keuchend den Kinderwagen mitsamt Kind die Treppe hoch. Herr oder Frau Nachbar überholt mich, kommentiert meine Bemühungen und denkt gar nicht daran mir zu helfen. "Tja, ist ein ganz schönes Geschleppe wenn man das ganze Babyzeug in den 3. Stock tragen muss, oder? Na dann, schönen Tag!" Halt! Du gehst doch in die gleiche Richtung!
Egal ob es um Babys Bauchschmerzen oder ums Stillen ging, ständig hatte ich das Gefühl mich vor Besserwissern rechtfertigen zu müssen. Ich stille mein Baby nicht und bin immer wieder überrascht wenn mir jemand mitteilt, dass es besser wäre wenn ich stillen würde. Ahja, danke für die Info. Und die Frage: "Warum stillst du nicht?" macht mich inzwischen richtig sauer. Warum sollte ich jedem X-beliebigen erklären, was ich oder was ich nicht mit meinem Busen mache? Das geht doch wirklich nur mich und höchstens meinem Mann was an, oder?
Phasen 6 - ∞:
Mein Baby ist jetzt erst 4 Monate alt und ich bin mir sicher, dass ich in meiner Mutter-Karriere noch vielen Besserwissern über den Weg laufen werde. Und obwohl es hier und da ziemlich nervt, weiss ich, dass es fast alle Besserwisser wirklich nur gut meinen. Ein Baby ist ein unglaubliches Wunder und alle wollen Anteil daran haben und mir als Mutter helfen. Eigentlich ist dass doch wirklich schön ...
von einer Leserin aus Kenya



