Was mich betrifft, ich mag die Griechen sehr! Bin ich doch jahrelang zwischen den Kykladen und den Inseln des Dodekanes hin und her geschippert, habe das unvergleichliche Licht dort gesehen, die griechische Gastfreundschaft und Herzlichkeit genossen und dabei wunderbare, humorvolle Menschen kennengelernt, die oft mit einem geheimnisvollen Hang zur Melancholie und zum Drama ausgestattet waren. So habe ich erfahren, dass man nach einer griechischen Redensart sogar in einem Kaffeelöffel voll Wasser ertrinken kann - für uns nüchtern denkende Deutsche eine ziemlich belustigende Vorstellung!
Urlaub in Griechenland ist Entschleunigung pur. Eines der ersten Wörter, die ich von Griechen hörte, war „siga, siga“ - „langsam, langsam“, und sehr bald wurde einem bei einem eisgekühlten Frappé mit beschwörendem Blick erläutert, warum ein Grieche im Gegensatz zu einem Deutschen sicherlich niemals einen stressbedingten Herzinfarkt erleiden wird. Egal, wie auch immer – Griechenland war Balsam für die Seele, und ich habe die Menschen dort tief in mein Herz geschlossen.
Umso mehr betrübt mich das aktuelle Geschehen in Athen, und bei aller Wertschätzung setzt nun auch bei mir eingefleischtem Griechenland-Fan immer mehr ungläubiges Staunen und auch ein Stück Entsetzen ein. Hellas, was ist aus dir geworden? Warst du doch einst die Wiege der westlichen Kultur, das Land, in dem die Demokratie erfunden wurde und dessen Volk große Philosophen hervorbrachte, die viele der heute noch gültigen Wertvorstellungen prägten. Doch momentan sieht es so aus, als ob ihr nicht nur in einem Kaffeelöffel voll Wasser ertrinken werdet, sondern in einer apokalyptischen Schulden-Sintflut.
Liebe Griechen, Ihr fühlt euch von Europa unverstanden und ungerecht behandelt, sogar das Wort „Demütigung“ ist gefallen. Euch nervt die EU-Troika mit ihrer pingeligen „Schnallt-endlich-den-Gürtel-enger-Politik“. Warum kann auch keiner verstehen, dass ihr das alles etwas lockerer seht? Kann es sein, dass ihr glaubt, euren Anteil an der Kulturgeschichte der Menschheit längst geleistet zu haben: die Erfindung des Staatswesens, der Wissenschaften, der griechischen Götter- und Heldensagen, der Ilias und der Odyssee, der Olympischen Spiele etc. Davon profitieren wir schließlich heute noch alle – und das weltweit!. Es wäre also nur fair, euch eine immer währende Leibrente auf die Rechte an all diesen Errungenschaften zu zahlen?! Mensch klar, deshalb habt ihr euch ganz entspannt zurück gelehnt und euch quasi durch Odysseus List den Eintritt in die Euroländer erschlichen.
Mensch, Pia, reiss dich doch zusammen, du denkst ja schon viel zu griechisch!!!
Hallo, griechische Freunde, man kann nicht ewig von den alten goldenen Zeiten leben! Kommt endlich raus aus der Antike und rein in die Gegenwart und Zukunft. Wo ist euer vielgepriesener Humanismus geblieben, wo die Würde des Menschen, wenn eure Politiker zulassen, dass 50 Prozent eurer Jugend arbeitslos sind?
Ihr genießt den hervorragenden Ruf, dass man bei euch und besonders auf Kreta steinalt werden kann. Zugegeben, euer Olivenöl ist spitzenmäßig und die mediterrane Küche sehr gesund. Dazu ein Gläschen griechischer Wein, der so ist wie das Blut der Erde ... , ja, da schenk ich mir auch mal gerne einen ein!
Aber ihr seid keine unsterblichen griechischen Götter! Und so musste es ja irgendwann einmal auffliegen, wenn noch jahrelang Renten an die längst verblichene Omi ausbezahlt wurden. Auch dass ihr durchschnittlich 1200 Euro im Jahr an Bakschisch ausgebt, damit die Dinge einfach schneller gehen, ist unglaublich. Mensch, Leute, das ist euer 14. Monatsgehalt, das uns noch nie vergönnt war! Und bei jedem Unmut gleich mit Hilfe eines Generalstreiks die Wirtschaft lahmzulegen, bringt euch auch nicht voran!
Und jetzt, wo euch alle griechischen Götter zu zürnen und euch alle griechischen Helden verlassen zu haben scheinen, lauft ihr nun rein in die Staatspleite und raus aus dem Euro? Holt euch jetzt eure eigene Odyssee ein? Was wohl Sokrates und Plato dazu sagen würden? Vielleicht würden sie mit Nana Mouskouri das Lied Weiße Rosen aus Athen – sagen dir Auf Wiedersehen – anstimmen?!
Also, wehrt euch, ihr Griechen, gegen eure Klasse der Politiker, die nur an ihren eigenen Vorteil denkt und Staatskorruption zur Selbstverständlichkeit erhoben hat! Besinnt euch auf eure wirksamen Regeln aus der Antike: Da konnten nämlich erfolglose Strategen, die Schaden über das Volk gebracht hatten, durch das Scherbengericht in die Verbannung geschickt werden! Denn schon Aristoteles wusste: „Der Anfang ist die Hälfte des Ganzen.“
Pia Palaver



