Ich erinnere mich noch, als wenn es heute wär: An meinen IKEA-Besuch vor Jahren. Mit Säugling und Kleinkind fräste ich durch die Regale. Ich weiß nicht mehr, wonach ich suchte. Aber ich weiß noch, dass während ich in Schweiß und Tränen aufgelöst mit meinem Nachwuchs auf dem Parkplatz stand, zwei Mütter samt Kindern an mir vorbei schwebten; lächelnd, Mona Lisa gleich, mit Pullover, Blüschen und Perlenkette. Samtbänder hielten die blondierten Haare im Nacken. Ich habe sie auf den ersten Blick gehasst! Aber warum? Woche um Woche, Monat um Monat, Jahr um Jahr habe ich gegrübelt. Und bin erst heute auf die Antwort gekommen, während ich das Klo gescheuert habe.
Mein Sohn hat die liederliche Angewohnheit, im Stehen zu pinkeln. Er glaubt immer, Mama merkt es nicht. Hinterläßt aber besonders nachts verräterische Spuren. Sei es unter der Klobrille, oder - im schlimmsten Fall - um das ganze Klo herum. Von der Keramik Pipi zu putzen, dass sind die Momente, da hasse ich meinen Sohn ähnlich inbrünstig wie diese Perlenkettchen-Mama-Liga. Heute endlich ging mir auf, dass es da einen Zusammenhang gibt:
Denn die Perlenkettchen-Mamas, die flanierten an mir vorbei, als ob sie niemals solche Gefühle hegen wie ich. Sie sahen aus wie die Inkarnation dieser Mütter, deren Babys schon ab Monat 2 acht Stunden am Stück schlafen. Die niemals einen Milchstau haben. Deren Haushalt glänzt. Die nicht nur die Brut jederzeit schmierfrei in den Kinderwagen setzen, sondern auch selbst wie aus dem Ei gepellt aussehen. Diese Muttis, die wissen, wie man mit Fieber und Bauchweh umgeht, die niemals in einer Kinderklinik landen, weil sich der Nachwuchs die Seele aus dem Leib kotzt. Die es auf drei oder vier Kinder bringen, weil alles doch so easy läuft. Und die ihrem Mann dabei niemals auf die Nerven gehen. Die ich dafür hasse, dass sie sind, was ich nicht bin, aber zugegebener Maßen gerne wäre. Und die mir mein Bekanntenkreis vor Augen hält, wie einstmals meine Eltern mir den Klassenschleimer als Vorbild nahelegten: Was der doch für gute Noten hatte!
Ich hasse mich, dass ich nicht so sein kann wie sie. Und ich hasse sie, weil sie das Leben mit Kind wie einen Spaziergang zu IKEA aussehen lassen, selbst wenn es ihnen vielleicht so manches Mal ganz anders gehen sollte. Niemals lassen sie sich gehen, hetzen im Trainingsanzug in den Supermarkt, oder würden ihrer Friseuse gestehen, mitunter gänzlich überfordert zu sein. Und damit knabbern sie nicht nur an meinem Ego, es gibt etwas, was noch viel furchtbarer ist. Haben wir es nicht auch ihnen zu verdanken, dass uns aus den Medien so dämliche Werbung entgegenstarrt wie die der Telekom: "Alle sagen, Job und Kind sei eine Doppelbelastung. Ich habe mich für Doppelfreude entschieden!" (Lächelt blonde Schwangere mit Kettchen.)
Empfinde ich eigentlich keine Doppelfreude, auch wenn ich gleichzeitig eine Doppellast zu wuppen habe? Bin ich eine Versagerin, nur weil ich nicht immer lächele, mein Nachwuchs auch nach 3 Jahren mitten in der Nacht nach Mama kräht? Ich nicht in aller Ruhe den Kinderwagen schiebe, sondern zwischen Arbeit, Kindergarten, Hort, Hausaufgaben und Kinderkursen hin und her zu rasen pflege? Um pro Abend mit dreißig grauen Haaren und einigen Fältchen und Krampfadern mehr auf dem Sofa niederzusinken?
Während ich den letzten Urinfleck vom Klo beseitigt habe, habe ich beschlossen, dass das Perlenkettchen allenfalls zum BusinessDress einer WorkingMum gehört, und andernfalls von nun an ganz offiziell, erklärbar und mit gutem Gewissen zu meinem persönlichen Mama-Hass-Bild gehört.
Jetzt würde mich nur noch eines interessieren: Welche Hassbilder habt Ihr?
Gepostet von Mittelmaßmama auf ihrem Blog. Vielen Dank!